Wahrheit? Gibt es gar nicht

Schriftsteller sind mächtig. Sie schaffen Figuren, hauchen ihnen Leben ein, bestimmen ihr Schicksal. Nicht immer entspringen die Figuren allein der Fantasie. Auch Mitmenschen inspirieren. Wenn diese klar zu erkennen sind, stellt sich die Frage: Was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Zum Abschluss der Ringvorlesung des Sommersemesters 2011 gab Martin Walser Auskunft über das ambivalente Verhältnis von Geschehenem und Erdachtem.

„Banalisierung der Dichtung“

Wie heikel das Thema ist, weiß Walser aus eigener Erfahrung. 2002 beschwor sein Roman „Tod eines Kritikers“ – eine unverhüllte Abrechnung mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki – einen veritablen Literaturskandal herauf. Aber auch der langjährige Rechtsstreit um den Roman „Esra“ von Maxim Biller zeugt von der Problematik aufgebrochener Grenzen zwischen Fiktion und Faktizität. In Billers Fall hatte eine Geliebte, die sich im Roman wiedererkannte, gegen die Darstellung geklagt, da sie sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt sah. Wie weit also darf ein Schriftsteller gehen?

Zunächst verwahrte sich Walser  gegen die auf Goethes Autobiographie zurückgehende Dichotomie: „Dichtung und Wahrheit sind keine Gegensätze. Ihre Gegenüberstellung ist eine Banalisierung der Dichtung, denn es entsteht der Eindruck, Dichtung sei nicht wahr.“ Und wie viel Wahrheit steckt in Walsers Protagonisten, wollten Helmuth Kiesel, Ordinarius für Neue Literatur, und die Germanistin Friederike Reents am Beispiel seines Romans „Ein springender Brunnen“ wissen: Der behandelt Walsers Kindheit, versucht unter anderem den Beitritt der Mutter in die NSDAP im Jahr 1932 zu erklären. Walser war zu dem Zeitpunkt fünf Jahre alt. Konkrete Erinnerungen an diese Zeit hat er kaum, wie er selbst sagt. Doch was ist dann tatsächlich so passiert, wie es im Buch steht, und was ist erfunden? Martin Walser hält diese Grenzziehung für willkürlich. Seine Dichtung entspreche der Wahrheit, weil sich die Romanstoffe so abgespielt haben könnten. Keine Wiedergabe der Wirklichkeit und trotzdem wahr? Walser beruft sich auf die Liebe. Aus Liebe zur Mutter habe er diesen Roman schreiben können. Und als er angefangen habe, „schrieb er sich von selbst“. „Außerdem erfindet ein Schriftsteller nicht, er findet.“

Geschichtsschreibung wird vom Zeitgeist geprägt

Genaugenommen gibt es Wahrheit für den Autor Walser gar nicht, sondern nur die Dichtung – die aber wahr sei. Dazu zitierte er den ersten Satz aus dem bereits genannten Roman: „Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird.“ Die Geschichtsschreibung sage weniger über ihren Forschungsgegenstand aus, als über den jeweiligen Zeitgeist. Im Laufe der Zeit würden Zusammenhänge immer wieder neu interpretiert, rekonstruiert, erhielten so eine neue Lesart. Kann man also von Wahrheit sprechen, wenn sie sich fortlaufend ändert?

Die Literatur müsse für sich stehen. Die Deutung durch eine bestimmte Perspektivenbrille empfindet Walser als unangemessen. Da braust er auf und sein Temperament verrät, dass er noch immer verletzt ist. Von den „Meinungsmachern“ fühlt er sich verunglimpft. Viele Literaturkritiker stünden unter dem Diktat vorherrschender gedanklicher Strömungen. Für anmaßend hält er die Literaturkritik, die Schriftsteller mit einem Federstreich vernichte. Er berichtet, wie es zur Dauerfehde mit Reich-Ranicki kam, wie ohnmächtig er sich fühlte, als er in einem Verriss las, keine Zeile seines Buches sei lesenswert. Das scheinen keine Nadelstiche gewesen zu sein, sondern Dolchstöße.

Der offene Brief hat auch ökonomische Konsequenzen

Als er dann, Jahrzehnte später, mit dem „Tod eines Kritikers“ auf die Demütigungen reagierte, schrieb Frank Schirrmacher, Feuilletonchef der FAZ, einen offenen Brief, in dem er begründete, warum die FAZ einen Vorabdruck ablehne: Unübersehbar sei „das Repertoire antisemitischer Klischees“. Für Martin Walser ist das eine Ungeheuerlichkeit. Gerade er, der immer wieder über die NS-Zeit schrieb, der direkt nach dem Krieg über Franz Kafka promovierte, fühlt sich durch den Vorwurf des Antisemitismus tief getroffen. Die Konsequenzen sind auch ökonomischer Art: Seit dem offenen Brief wird er nicht mehr ins Englische übersetzt, teilweise gar als Holocaustleugner bezeichnet.

Der Autor selbst liefert ein Beispiel, wie aus Dichtung, wenn nicht Wahrheit, zumindest Wirklichkeit wird.