Wiederbelebte Vergangenheit

18 Paar Ohren lauschen dem Schriftsteller Peter Kurzeck. Mehr nicht. Der Rahmen ist ungewöhnlich intim: Eine sanierte Privatwohnung im Kreuzberger Bergmannkiez, 3. Stock, Vorderhaus, spärlich möbliert mit weißem, runden Tisch, Stühlen, im Nachbarzimmer steht ein Bett mit dicker Decke, an den Wänden hängt Kunst. Freundlich hatten die Gastgeber empfangen, darum gebeten sich zu setzen, gefragt, ob man etwas trinken wolle - „Rotwein, einen badischen Riesling oder Wasser?“. Das Ehepaar stammt eigentlich aus Köln, der Mann leitete als Chefarzt lange eine Klinik, veröffentlichte mehrere Reisebücher, wandelte auf den Spuren berühmter Schriftsteller durch deren Heimat; so entstanden „literarische Streifzüge“.

Einlass in das „neue“, edle Kreuzberg

Die Gegend hat sich gewandelt: Unweit des „Heidelberger Kruges“, in dem die Kreuzberger Bohème früher die Nacht zum Tage machte, ist heute die Bourgeoisie zu Hause – zumindest mit Zweitwohnsitz. Als die Gastgeberin den Autor einführt, entschuldigt sie sich für die von der Decke baumelnde Glühbirne. Passende Lampen zu finden sei schwer. Sie bewundere die Fähigkeit des Autors zum entschlossenen Kauf; zumindest bei Uhren könne er zugreifen, in einer seiner Erzählungen kauft er gleich drei Stück auf einen Schlag. Kurzeck nickt.

Erstmals veranstaltet der Verein Kunstsalon das Festival „Literatur in den Häusern der Stadt“ in Berlin. In Köln öffnen wechselnde Gastgeber seit 15 Jahren ihre Türen für Autoren und ein überschaubares Publikum. Beim Berliner Debüt liest John von Düffel im Hof eines Spandauer Bestattungsunternehmens, Peter Wawerzinek trägt laut Veranstalterflyer in einer „wunderbar ‚typischen’ Altbauwohnung“ im Prenzlauer Berg vor, der Schauspieler Ulrich Matthes liest aus Jonathan Frantzens „Freiheit“ – in einer Privatwohnung mit Terrasse vis à vis des Berliner Doms. Illustre Orte. Sehnsuchtsorte, die sonst verschlossen bleiben. Zutritt zu den erfüllten Träumen wohlhabender Menschen zu bekommen, verbunden mit dem unmittelbaren Erleben zeitgenössischer Schriftsteller – die Idee gefällt.

Das Leben bietet Inspiration genug

Auch Kurzeck enttäuscht nicht. Wie sollte auch, wer so schön erzählen kann. Bereits die Eingangsfrage der Gastgeberin, der Autor möge schildern, wie es gewesen sei, zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Staufenberg ernannt zu werden, löst einen kleinen Wasserfall miteinander verketteter Gedanken aus. Minutenlang sprudeln sie aus dem Mund des Autors. Er berichtet, wie schwer es die örtlichen Organisatoren hatten: Über 100 Anmeldungen zu der Festveranstaltung gab es – alle von außerhalb; was würde nur werden aus dem heimischen Publikum? So entschied man sich für zwei Veranstaltungen: eine für die Angereisten, eine für die Leute aus dem Ort. In Staufenberg kennt Kurzeck jeder. Alte Freunde kamen an diesem Tag auf in zu. Einer war 40 Jahre verschollen geblieben, hatte aber Eingang in einen Roman gefunden. Kurzeck lässt sich weniger von seiner Phantasie als von seinem Leben inspirieren.

So ist es auch mit „Vorabend“, dem jüngst erschienenen 1000 Seiten starken Buch im rosa Einband. Ausgangspunkt für die Erinnerungen und oft minutiös angelegten Beschreibungen ist der Besuch bei einem befreundeten Paar kurz vor dessen Umzug nach Frankreich. Der Besuch wird zu einem letzten gemeinsamen Schwelgen in der Vergangenheit. Peter Kurzeck liest ein Kapitel aus dem letzten Drittel: Es geht um Wünsche, Kindheitsträume und ihre Erfüllung. Der Protagonist hatte sich immer eine Lederjacke gewünscht. Es dauerte, bis dieser Traum Realität wurde – aber nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte. Denn irgendwann hingen drei Lederjacken in der Garderobe, von denen keine richtig passte. Doch nun, angesichts stabiler ökonomischer Verhältnisse, gibt es kein Halten mehr: Jahrelang hatte er den Traum von der eigenen Lederjacke vor sich hergetragen. Nun gibt es innerhalb von 20 Minuten gleich zwei Neue.

Kurzeck hält eine längst verflossene Epoche fest

Kurzecks Figuren befassen sich mit Fragen, die bekannt vorkommen, weil man sie selber erlebt hat, weil sie realistisch sind. Das macht sie so lebendig. Die Zuhörer sind eingesogen in eine Welt, die es heute nicht mehr gibt: westdeutsche Provinz Anfang der 80er Jahre, als alles noch kleiner, übersichtlicher und geordneter war. Und doch kribbelte es schon, roch nach Aufbruch, schmeckte nach Veränderung. Kurzecks Schilderungen sind so präzise, als wolle er die verlorene Zeit einfangen, um sie wiederzubeleben. In Kreuzberg, einem Stadtteil, der so rasch dramatische Veränderung erfahren hat und noch erfährt, wünscht man sich, der Autor könnte die Zeit tatsächlich noch einmal zurückdrehen.

Als Kurzeck endet, blicken seine wachen, listigen Augen in die Runde. Applaus überströmt ihn. Bei Häppchen aus Pumpernickel, Ei und Gurke erzählt er von seinen Plänen. Nach monatelanger Lesereise freut er sich auf die Rückkehr in seinen französischen Wahlheimatsort Uzès. Endlich wieder schreiben. Sieben weitere Bücher hat er bereits angekündigt, mit Titel und ISBN-Nummer. Sogar wie die Umschläge auszusehen haben, weiß er schon. Kurzeck ist ein Getriebener. Oder einer, der sich seine Träume einfach erfüllt.