Europa muss sich um sich selbst kümmern

Ist der hellste Moment erreicht, will man es wohl am wenigsten wahrhaben. Darin liegt die Gefahr. Doch seit jeher haben Großmächte etwas Sternschnuppenhaftes: Wenn sie zu glühen begonnen haben, ist der Niedergang bereits eingeläutet. Als etwa das Römische Imperium das Maximum seiner geographischen Ausdehnung erreicht hatte, sich auf dem Höhepunkt seiner Macht befand, war der Zerfall schon nicht mehr aufzuhalten. Warum sollten diese Regeln nicht mehr gelten?

Verliert der Westen seine Vormachtstellung? Schmidt meint „nein“

Im heutigen Europa stellt sich – nach Jahrzehnten des stetigen wirtschaftlichen Aufschwungs, des Friedens und der individuellen Selbstverwirklichung – die Frage, ob und wie lange diese privilegierte Position zu halten ist. Die Zeit der scheinbaren Hegemonialherrschaft der USA nach dem Ende des Kalten Krieges ist seit der Verstrickung in die Kriege in Afghanistan und dem Irak vor den Augen der Weltöffentlichkeit zu Ende gegangen. Immer häufiger bedarf es der Zustimmung aufsteigender Mächte, allen voran China, um im Weltmaßstab etwas zu bewegen. Und Europa ist militärisch zu schwach, politisch zu unentschlossen und vielzüngig, demographisch zu alt und zudem flächendeckend überschuldet. Die derzeitige Schwäche der USA auszubalancieren, dazu ist Europa nicht in der Lage. Zumal die Angst vor dem Verlust des Wohlstandes eher zu lähmen als zu beflügeln scheint. Laufen dynamische Nationen mit junger Bevölkerung, starkem Aufsteigerwillen und großer Leistungsbereitschaft Europa also den Rang ab?

Diese komplexe Frage stand im Zentrum einer Veranstaltung des Körber Forums mit dem Titel „Neuer Osten – neue Mächte. Europa und Asien auf dem Weg zu einer neuen Weltordnung“, einem Höhepunkt der diesjährigen Berliner Stiftungswoche. Begleitet vom ehemaligen Chefredakteur und Herausgeber der ZEIT, Theo Sommer, war Helmut Schmidt, als Altkanzler und einer der letzten Weisen (und öffentlichen Raucher) der Republik für die Beantwortung kniffliger Fragen prädestiniert, nach Berlin gekommen. Obgleich vom Alter gezeichnet und an den Rollstuhl gefesselt, strahlte Schmidt eine unglaubliche Präsenz und intellektuelle Wachsamkeit aus. Und gab sich als unbequemer Diskutant.

Chinas binnenstaatliche Probleme verhindern eine Führungsrolle

Schon den Veranstaltungstitel hielt Schmidt für ungeeignet. Eine Weltordnung habe es nie gegeben; „Weltunordnung“ treffe es besser; er bevorzuge aber den Begriff Konstellation. Dezidiert verwahrte er sich dagegen, in den Abgesang auf Europa einzustimmen. Für Verfassung Europas spielten die demographische Entwicklung und die Beschleunigung des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts eine ungleich größere Rolle als der Aufstieg der Schwellenländer China und Indien. Theo Sommer hielt zwar dagegen: Der momentane Umbruch, der rasante Aufstieg der asiatischen Großmächte sei durchaus vergleichbar mit dem Aufbruch Europas Ende des 15. Jahrhunderts und der Geburt der amerikanischen Nation im 18. Jahrhundert. Doch konterte Schmidt mit seinen eigenen Erfahrungen: „Niederschmetternde Tristesse“ habe er bei seinem Chinabesuch 1975 wahrgenommen. Der wirtschaftliche Erfolg Chinas wird Europa nicht schaden, gab sich Schmidt überzeugt; vorausgesetzt, Europa ruhe sich nicht auf seinem Wohlstand aus, sondern tüftele weiter an neuen Technologien, die sich exportiere ließen.

China sei nicht bereit für eine globale Führungsrolle. Zu groß seien die Probleme im eigenen Land: Die riesigen sozialen Unterschiede hätten mit dem Ideal einer kommunistischen Partei rein gar nichts zu tun. Ebenso pressierten die Umweltfragen. Und die Ein-Kind-Politik der letzten 30 Jahre habe das Land demographisch aus der Balance gebracht. Die chinesische Bevölkerung sei immer älter geworden; es gebe einen beträchtlichen Männerüberschuss, der vielerorts zu Verwerfungen führe. Barsch kanzelte Schmidt daher auch all diejenigen ab, die glauben, China in demokratische Verhältnisse überführen zu müssen. An der von Sommer angesprochenen Entwicklung eines Rechtsstaats arbeite die politische Führung.

Der Westen predigt moralisches Handeln. Doch wie verhält er sich selbst?

An diesem Punkt ist Schmidt frei von jeglichem Idealismus: Freiheitsrechte seien eine Erfindung des Westens. Sie resultierten aus der Zeit der Aufklärung, aus dem Kampf gegen Kirche und Papst. In der Bibel oder im Koran gebe es nur Pflichten und Gebote; von Rechten sei dort nicht die Rede. Die westlichen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Selbstverwirklichung sollten anderen nicht überstülpt werden. Überhaupt ist die Moral ein Aspekt, bei dem Schmidt unwirsch wird. Zu oft gelte an ihrer Stelle eine Doppelmoral. Auf Sommers Frage, ob das chinesische Engagement etwa in Afrika, wo sie auf der Jagd nach Bodenschätzen investierten, ohne nach der Einhaltung von Menschenrechten zu fragen, das außenpolitische Handeln erschweren würde, antwortete Schmidt knapp: „Der Westen kauft sein Öl auch in diktatorischen Staaten.“ Viel wichtiger als die Frage, ob China Menschenrechte achtet, sei es, neue Spannungen in Europa zu verhindern. „Das ist eine gewaltige Herausforderung.“