Gesellschaftliche Teilhabe durch Großspenden

Amerika bleibt das Land des Mäzenatentums. Das zumindest legt der jüngste Clou der beiden reichsten Männer der USA, von Microsoft-Gründer Bill Gates und dem Großinvestor Warren Buffet, nahe: Nach eigenen Angaben haben sie mehr als drei Dutzend der vermögendsten amerikanischen Familien und Einzelpersonen davon überzeugen können, mindestens die Hälfte ihres Vermögens gemeinnützigen Zwecken zugute kommen zu lassen. Ein „Versprechen, zu geben“ ist so zustande gekommen. Die Internetseite „The Giving Pledge“ informiert über die Philanthropen und ihre Motive.

Dass es sich um einen Zusammenschluss und ein Versprechen von großer Tragweiter und enormer symbolischer Bedeutung handelt, ist schnell ersichtlich. Bereits sechs Wochen nach dem Start der Initiative solch ein Ergebnis präsentieren zu können darf als bahnbrechender Erfolg gewertet werden, wenngleich die Zusagen zunächst weder rechtsverbindlich sind noch zeitnah in die Tat umgesetzt werden müssen.

In Deutschland lassen vergleichbare Taten bislang auf sich warten. Das gilt besonders für die Manager großer Konzerne, die – Krise hin oder her – nach wie vor und mit Abstand am besten verdienen. Auch das ramponierte von Managern, die auch bei wirtschaftlichem Misserfolg Bonuszahlungen einstreichen können, hat sich bislang nicht als motivationssteigernd erwiesen, sich stärker für das Gemeinwohl zu engagieren. Wendelin Wiedeking ist eine Ausnahme geblieben. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Porsche hat nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen mit der Hälfte seiner üppigen Abfindung zwei neue Stiftungen ins Leben gerufen. Zwar wurde seine Abfindung damals als obszön hoch kritisiert, für die Stiftungsgründung bekam Wiedeking jedoch auch Zustimmung – etwa vom Bundesverband Deutscher Stiftungen, der seinen Schritt als vorbildlich lobte. Ein vergleichbares stifterisches Engagement aus den Reihen der Wirtschaftselite war jedoch seitdem nicht zu beobachten.

Zerstörerische Vermögenskonzentrationen mildern

Was nun die amerikanischen Mäzene betrifft, so ist ihre Absichtserklärung ein Zeichen, das weit über den konkreten Nutzen ihres Engagements hinaus Wirkung entfalten wird: Zunächst dürfte sich ihre Zahl sich in den nächsten Wochen und Monaten wohl weiter erhöhen (in einem günstigen Fall wird ein Dominoeffekt in Gang gesetzt, bei dem sich viele Superreiche werden überlegen müssen, ob sie außen vor bleiben wollen). Daneben hat ihr Tun eine weitere nicht zu unterschätzende psychologische Komponente. Denn auch wenn diese Mäzene über kaum vorstellbare Vermögen verfügen, so bedeutet doch deren (willkürliches) Abschmelzen des persönlichen Vermögens einen relativen Machtverlust; ganz gleich, ob danach noch immer Milliardensummen vorhanden sind. Sich dieser Logik ein Stück zu entziehen, verdient Respekt. Vor allem aber bedeutet das Engagement eine neue Form der Teilhabe. Womöglich werden tausende von großen und kleinen Projekten die Gesellschaft ein Stück besser machen.

Ein weiterer positiver Aspekt dieser konzertierten Aktion besteht darin, dass derartige Großspenden – und damit wohl die Zerstreuung gigantischer Summen – zu mehr Stabilität von Wirtschaft und Gesellschaft beitragen. Denn gerade die enormen, in einer Hand konzentrierten Vermögen sind in der Lage Unheil anzurichten. Anstatt im Wirtschaftskreislauf zu zirkulieren, werden sie von Vermögensverwaltern, sogenannten Family Offices auf der Suche nach den höchsten Renditen um den Globus gejagt. Wie es um die Kontrollierbarkeit ungeregelter virtueller Finanzmärkte bestellt ist, hat sich spätestens mit der Pleite von Lehmann Brothers im September 2008 mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt.

Dem Auseinanderdriften begegnen

Als gleichermaßen kritisch zeichnet sich die wachsende soziale Ungleichheit ab, auch innerhalb einzelner Staaten. Während in Deutschland das reichste Zehntel der Bevölkerung über knapp zwei Drittel des gesamten Vermögens verfügt, haben umgekehrt zwei Drittel der Bevölkerung Anteil an weniger als zehn Prozent des in der Gesellschaft vorhandenen Vermögens, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung Anfang des Jahres in einer Studie erneut bestätigte. Eine Tendenz, die sich in den letzten Jahren erheblich verschärft hat. Negative Konsequenzen dieser Entwicklung sind neben den zunehmenden sozialen Spannungen wiederum erhebliche Konjunkturrisiken. Denn die einseitige Vermögenskonzentration führt dazu, dass diese Gelder auf der anderen Seite nicht zur Verfügung stehen, um die Binnennachfrage zu stimulieren. Diese Spirale fördert das Auseinanderdriften der Gesellschaft weiter.

Das Wissen um diese Risiken, das Bewusstsein dafür, wie fragil die gemeinsame gesellschaftliche Basis geworden ist und die Sorge vor einer stärkeren Konturierung und Abschottung unterschiedlicher Lebenswelten voneinander steigern die Symbolkraft dieser Aktion. Unklar ist noch, woher die Besinnung auf diesen richtigen (und moralisch gebotenen) Schritt kommt, abgesehen von der positiven Presseresonanz. Sollten die reichsten Bürgerinnen und Bürger Amerikas verstanden haben, welch negativen Effekte die Konzentration erheblicher Vermögen mit sich bringt? Selbst wenn dies so wäre, blieben noch viele Fragen ungeklärt: Welche Projekte profitieren? Ist den Mäzenen selbst zu überlassen, wen sie begünstigen oder wäre es sinnvoller, wenn der Staat den Prozess steuernd begleitet würde? Überhaupt: Wäre der Staat von der selbst auferlegten Maxime entbunden, mit Steuerungsmitteln mehr soziale Gerechtigkeit zu erreichen, wenn das Beispiel auch in Europa Schule machen würde?

Trotz all der noch offenen Fragen ist eines gewiss: „The Giving Pledge“ ist ein Projekt, das an der richtigen Stelle ansetzt. Die wohlhabendsten Teile der Gesellschaft sind sich ihrer Verantwortung bewusst geworden und sind bereit einen konkreten Beitrag zu leisten. Es ist ein Beispiel, das nach Nachahmung schreit.